FU-Bezirksdelegiertentag
Das Selbstbild der Frau unterliegt seit jeher einem tiefgreifenden Wandel. Kaum eine gesellschaftliche Rolle hat sich in den vergangenen Jahrhunderten so stark verändert, wie die der Frau. Damit hat sich der diesjährige Delegiertentag der FU Südbaden beschäftigt. Dabei wurde der historische, der moderne und Feminismus und das Frauenbild im Islam betrachtet und diskutiert.
Frausein heute: Bezirksdelegiertentag der Frauen Union Südbaden diskutiert gesellschaftlichen Wandel Beim Bezirksdelegiertentag der Frauen Union Südbaden in Titisee-Neustadt stand in diesem Jahr das Thema „Frausein heute“ im Mittelpunkt. Bezirksvorsitzende Helga Gund begrüßte die Delegierten sowie zahlreiche Gäste und freute sich besonders darüber, dass in mehreren Kreisverbänden neue Vorsitzende gefunden werden konnten. Als neue Kreisvorsitzende stellte sie Anja Lux (Ortenau), Manuela Böhler-Szmerlowski (Lörrach) und Lian Hussein vor. Bei ihrer Eröffnung ging Helga Gund auf die Veränderungen der Lebensrealität von Frauen ein. Während Frauen früher oftmals vor allem Fürsorge- und Familienaufgaben übernahmen, seien heute vielfältige Rollen und Lebensentwürfe möglich. Rollenbilder würden nach wie vor durch Erziehung, Medien und gesetzliche Rahmenbedingungen geprägt. Gleichzeitig stellte sie die Frage, wie sich das Männerbild verändere und ob daraus mehr gegenseitiges Verständnis oder neue Konflikte entstünden. Anschließend referierten Vera Huber und Claudia Blum zum historischen Feminismus und gaben dabei einen Überblick über die Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert. Sie erinnerten an wichtige Meilensteine wie die Einführung des Frauenwahlrechts 1918/19, gesellschaftliche Veränderungen der 1920er Jahre sowie den zunehmenden Zugang von Frauen zu Studium und Beruf in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wurde auch die Rolle der Frau in der Nachkriegszeit thematisiert, von Bräuteschulen über die Leistungen der Trümmerfrauen bis hin zur klassischen Versorgerehe. Für die Zeit von 1960 bis 1980 standen die Einführung der Antibabypille, Familienplanung, die Debatte um Abtreibung sowie die rechtliche und wirtschaftliche Selbstständigkeit von Frauen im Mittelpunkt. Weitere Themen waren die Kritik am Patriarchat, typische Frauenberufe und die Abschaffung des sogenannten Kuppelei-Paragrafen. Die Referentinnen zeigten zudem die Entwicklungen der Jahre 1990 bis 2010 auf. Dazu gehörten der Ausbau der Kinderbetreuung, neue Familienformen wie Patchworkfamilien, die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe, die wachsende Bedeutung des Frauenfußballs, die freie Namenswahl bei der Heirat sowie die Einführung von Pflegeversicherung und Elterngeld. Für die Zeit ab 2010 wurden aktuelle Debatten angesprochen. Themen waren unter anderem Sicherheit im öffentlichen Raum, Bildungserfolge von Frauen, der Gender Pay Gap, geschlechtergerechte Sprache, Fragen der Sexualität und Medizin sowie Diskussionen über Rollenbilder, Geschlechteridentität, Selbstbestimmung, Frauenquoten, Frühsexualisierung und eine mögliche Wehrpflicht für Frauen. Im zweiten großen Themenblock beschäftigten sich Priska Seiler, Chris Weihpratizky und Heike Kornmeyer mit dem „Frauenbild im Islam“. Sie stellten unterschiedliche Sichtweisen auf den weiblichen Körper, die Familie und die Rolle der Frau in westlichen Gesellschaften und im politischen Islam gegenüber. Dabei wurde betont, dass der Körper in westlichen Gesellschaften häufig als Ausdruck von Individualität verstanden werde, während im politischen Islam eher kollektive Vorstellungen im Vordergrund stünden. Die Referentinnen gingen außerdem auf Fragen der Partnerwahl, familiärer Strukturen sowie auf die Bedeutung von Glaubens- und Freiheitsrechten ein. Diskutiert wurden auch unterschiedliche rechtliche Regelungen in islamisch geprägten Ländern, die Rolle der Großfamilie sowie verschiedene Motive für das Tragen eines Kopftuchs. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass der Islam viele unterschiedliche Ausprägungen kenne und pauschale Bewertungen daher nicht möglich seien. Anhand von Bildbeispielen wurden Unterschiede zwischen westlichem Feminismus und politischen islamischen Frauenbildern veranschaulicht. Priska Seiler appellierte an die Teilnehmerinnen, sich aktiv für die Rechte von Frauen einzusetzen und auch öffentlich Position zu beziehen. In der anschließenden Diskussion stand die Frage im Mittelpunkt, wie sichergestellt werden könne, dass muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland frei entscheiden können, welche Kleidung sie tragen möchten. Ebenso wurde über Freiheit, gesellschaftliche Werte und deren Bewahrung diskutiert. Die Diskussion unter den Teilnehmerinnen war rege und wurde veranschaulicht durch zahlreiche Erfahrungen unter anderem von Frauen, welche am Beispiel Iran die Entwicklung der Rechte von Frauen, von einer freiheitlichen Lebensweise hin zur Unterdrückung von Frauen selbst erlebt haben. Zum Abschluss des Delegiertentages befassten sich die Delegierten mit den eingereichten Anträgen. Einstimmig angenommen wurde ein Antrag zur Beibehaltung und vollständigen Absicherung der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige sowie gegen geplante Kürzungen in diesem Bereich. Ebenfalls Zustimmung fand ein Antrag, der sich gegen eine Kostenaufteilung bestimmter Mietkosten zwischen Vermietern und Mietern ausspricht. Mit den Beschlüssen und den intensiven Diskussionen endete ein Delegiertentag, der die Entwicklung der Frauenrolle in Vergangenheit und Gegenwart ebenso in den Blick nahm wie aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.