Frage der Ehrenvorsitzenden Ortrun Schätzle anlässlich des Bezirksdelegiertentages der FU-Südbaden an Seyran Ates
Ortrun Schätzle: Frau Ates, Sie haben in Ihrem ersten Buch, das ich gelesen habe, dass, zu meiner grossen Überraschung, in den Koranschulen bzw. auch in den Moscheen viel weniger religiöse Bildung betrieben wird, als politische Bildung.
Frage: Gilt dies auch heute noch wo wir an vielen Orten Moscheen bauen und bauen wir da evtl. Gehäuse, um. diese politische Bildung nach islamischen Recht voranzutreiben?
Seyran Ates: Ja, die Koranschulen sind tatsächlich ein Problem, vor allem diejenigen, die ausgelagert sind aus Institutionen, die teilweise staatlichen Kontrollen vielleicht auch ausgesetzt sind. Es gab ja durchaus auch die einzelnen Koranschulen - oder Kursunterrichte, die in den Schulen stattgefunden haben, die auch kritisch zu betrachten sind.
Insgesamt sehe ich sie sehr, sehr kritisch, weil man kucken muss, wer bietet diesen Unterricht an.
Letzte Woche war ich in Berlin-Wedding in einer Schule, in der es zu 80 – 90 % Kinder mit Migrationshintergrund gibt. Da war ein Vertreter einer Moschee da, insgesamt 4 gehören inzwischen zu diesem Verband, das ist die islamische Föderation. Und die islamische Föderation sagt, wir haben vor ein paar Jahren nach 150 Schüler und jetzt haben wir 400. Bald sind es 500 und wir haben gar keinen Platz. Wir wissen gar nicht, wie wir die Kinder unterbringen.
Das Thema Gleichberechtigung der Geschlechter kam natürlich auf den Tisch und auch die Geschlechtertrennung beim Unterricht und die Vermittlung auch des Bildes von Männer- und Frauenrollen und er sagt: Na ja, unsere Gemeinde ist konservativ. Das heisst, sie unterliegen noch diesem alten Geschlechterrollenverhältnis was bedeutet, dass bei uns die Mädchen und Jungs eben getrennt sind und auch die Moscheen und das wird nicht diskutiert. Das heisst, es wird dort die Idee der Gesellschaft nicht als Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern die Idee der Gesellschaft weitervermittelt die sehr konservativ ist und die Geschlechtertrennung weiterhin manifestiert wird.
Und was ist das jetzt, ist das die Religionsvermittlung oder ist das jetzt eine politische Agitation? Wo ist da die Grenze? Konservative Religionsausübung oder –vermittlung ist ja nicht von vorneherein auszuschliessen oder abzulehnen. Mir geht es nicht darum, dass alle Muslime so modern sein sollen, wie ich als politische Muslimin, die säkular denkt. Aber – ich habe meine Grenzen. Ich sage da, wo Religion und auch meine Religion so vermittelt wird, dass sie nicht mehr zeitgemäss ist, wo den Mädchen und den Jungs etwas beigebracht wird, was gegen unser Grundgesetz ist, nämlich Artikel 3 Abs. 2 die Gleichberechtigung der Geschlechter, dann ist da politische Agitation da. Und wenn ein Imam auch sagt, es kann nicht sein, dass es 2 Herren im Haus gibt, der Mann hat immer das Sagen; dann ist das hierarchische Verhältnis aufgeklärt, dann ist das auch eine politische Aussage, es bleibt ja nicht nur bei dem Religiösen.
Wenn man das alte Testament nimmt und sagt der Mann ist das Haupt der Frau und das vermittele ich jetzt weiter, dann würden Sie auch auf die Barrikaden gehen. Es ist etwas, was wir nicht mehr akzeptieren, deshalb sitzen Sie ja hier. Und insofern ist vieles, was in den Koranschulen vermittelt wird unter dem Dach des Konservatismus sehr fundamentalistisch und rückwärtsgewandt und im Grunde dann auch politisch. Es wird auch oft vermittelt, esst kein Schweinefleisch, das gehört nicht zur Religion, das ist ok, darüber muss man gar nicht diskutieren; aber: geht auch nicht zu Deutschen, weil die Schweinefleisch essen und auch das wird vermittelt. Es gibt vereinzelt solche Lehrer. Ich will das jetzt nicht verallgemeinern weil ich nicht jeden einzelnen kenne. Das wäre unfair zu sagen, alle sind so. Aber ich bin kritisch, genauso wie die schweigende Mehrheit der Muslime kritisch ist. Wenn sie einen Taxifahrer, einen Gemüsehändler, eine Familie fragen, wie sie säkular lebt und ob sie Kinder hat, die sie in die Koranschule schicken, dann sagen sie nein, bin ich verrückt, da werden sie politisiert. Das hören sie von Türken selbst.
Also es passiert eine Politisierung dort und die vielen Moscheen, die jetzt aus den Hinterhöfen rauskommen, dass sie sichtbar gemacht werden, das ist gut, das ist positiv, aber wir müssen immer noch genau hinschauen. Und was ganz schlimm ist, finde ich, wenn in Moscheen oder Koranschulen Integrationskurse angeboten werden. Das ist so etwas von widersprüchlich, das geht nicht. Wir müssen deshalb auch den Unterricht genau wie in diesen Koranschulen auch in die Schulen holen, dass wir eine Kontrolle drüber haben.
Gudrun Seidl
Fachjournalistin
Europa-Presse cenjur
aktualisiert von Helga Gund, 28.07.2009, 17:47 Uhr |